Bereits vor über einem Jahr habe ich Christian Schäfer für ein Interview gewinnen können. Da ein Jahr im Bereich der Gedächtnistechniken ein langer Zeitraum ist, hat mich natürlich seine eigene Entwicklung interessiert. Daher bat ich den norddeutschen Gedächtnismeister um ein erneutes Interview. Und er willigte ein.

Es ist schon erstaunlich, welche Erkenntnisse auf diese Art und Weise zustande kommen können. Ich wünsche viel Spaß und glorreiche Erkenntnisse beim Lesen.

Hallo Herr Schäfer! Schön, dass Sie sich erneut für ein Interview zur Verfügung stellen. Bitte stellen Sie sich doch mal den Lesern vor, die sie noch nicht kennen.

Ich bin 19 Jahre alt und wohne in Netphen (NRW). Dieses Jahr habe ich mein Abitur bestanden und in Kürze werde ich ein Informatik-Studium beginnen. Vor rund zweieinhalb Jahren habe ich mit dem Gedächtnissport angefangen. Seitdem konnte ich einige Erfolge erzielen, wie z. B. Platz zwei bei der Junioren-WM 2009, Platz drei bei den Deutschen Meisterschaften 2010 sowie Platz eins bei den Norddeutschen Meisterschaften 2010 und 2011.

Ich gratuliere Ihnen zu dem diesjährigen (erneuten) ersten Platz bei der norddeutschen Gedächtnismeisterschaft! Wie liefen diesmal die Vorbereitungen?

Vielen Dank! Die diesjährige norddeutsche Meisterschaft lag terminlich relativ kurz vor meinem Abitur, deshalb musste ich beim Training einige Abstriche machen. Aber dennoch war meine Vorbereitung ganz ordentlich, nicht zuletzt deshalb, weil die Disziplinen alle recht kurz waren. Die Vorbereitung ist natürlich nur der eine Teil, der Wettkampf der andere. Aber auch hier war ich insgesamt sehr zufrieden mit meinen Leistungen, sodass ich am Ende meinen Titel verteidigen konnte! Damit hätte ich im Vorfeld auf Grund der starken Konkurrenz nicht gerechnet.

Haben Sie mittlerweile etwas im Bereich der eigenen Merktechniken verändert? Neue dazugekommen / alte weggefallen?

Nein, im Wesentlichen habe ich nichts verändert. Den Plan, ein großes Kartensystem zu lernen (d. h. jedem möglichen Kartenpaar wird ein konkretes Bild zugeordnet), habe ich entgegen meiner Aussage des vergangenen Interviews wegen des immensen Zeitaufwandes doch nicht in die Tat umgesetzt. Hierfür müsste ich insgesamt 2652 Bilder lernen und jeweils auf Anhieb wissen. Stattdessen habe ich mit anderen Systemen herum experimentiert und bin zu dem Schluss gekommen, dass das „klassische“ System, bei dem eine Karte einem Bild entspricht, für mich vorerst das Beste ist.

Was hat sich in diesem einen Jahr in der Lernlandschaft verändert? Sind die Merktechniken bekannter geworden?

Das ist schwer zu sagen. Den großen „Mnemotechniken-Boom“, der zu wünschen wäre, gab es sicher nicht. Aber einige TV-Auftritte und Fernsehbeiträge mit Gedächtnissportlern könnten dazu beigetragen haben, dass die Techniken bekannter werden. Ob diese dann auch angewendet werden, ist eine ganz andere Frage. Wenn ich anderen Menschen z. B. von der Routenmethode erzähle, sagen diese oft, dass sie „da schon mal irgendwas von gehört“ haben. Deshalb entsteht bei mir der Eindruck, als sei zwar bekannt, dass es „irgendwelche Gedächtnis-Techniken“ gibt, allerdings fehlt für die allermeisten der offensichtliche Nutzen und der Wille, sich mit den Techniken auseinanderzusetzen.

Welche negativen Erfahrungen haben Sie mit der Nutzung der Merktechniken gemacht? Oder waren es durchwegs positive?

Ich habe noch nie negative Erfahrungen mit Gedächtnistechniken gemacht! Mit ihnen lassen sich Informationen schneller, sicherer und spaßiger lernen! Beim klassischen „Büffeln“ sieht das sicher ganz anders aus… Natürlich kann es trotz Merktechniken passieren, dass man mal etwas vergisst, aber wenn man sich z. B. auf eine Prüfung gut vorbereitet und das Gelernte im Kopf oft genug wiederholt, sollte auch das sehr selten vorkommen. Häufig erscheint es für einen Neuling komplizierter, das zu Lernende in Bilder zu verpacken, aber wenn man sich erst einmal an das „Denken in Bildern“ gewöhnt hat, fällt dieses Vorurteil weg und die Erfolge sind beachtlich!

Sie nutzen ja auch die Loci-Methode. Wie viele Routen bzw. -punkte haben Sie denn?

Da ich alle meine Routen in Excel aufschreibe, kann ich genau sagen, dass ich derzeit 18 Routen mit insgesamt 1332 Punkten habe. Die Routenlängen variieren dabei von 26 bis 140 Punkten. Ich weiß, dass einige andere noch deutlich mehr Routenpunkte haben, aber da ich meine Routen hauptsächlich zum Gedächtnissport nutze, ist es mir wichtig, dass ich alle Routen ziemlich schnell und sicher kann. Um das zu gewährleisten, muss ich jede Route so oft wie möglich benutzen bzw. im Kopf durchgehen. Je mehr Routenpunkte, desto größer ist der Zeitaufwand zum „Pflegen“ der Routen. Für die kommende Gedächtnis-WM im Dezember in China werde ich vermutlich noch die eine oder andere Route erstellen müssen, denn mit Doppelbelegungen von Routen innerhalb von kurzer Zeit habe ich im Wettkampf bereits schlechte Erfahrungen gemacht…

Wie reagiert eigentlich das Umfeld auf ihr Hobby?

Familie, Freunde und Bekannte sind immer wieder erstaunt, wenn ich erzähle, was ich mir beim letzten Wettkampf gemerkt habe. Sie unterstützen mich und freuen sich für mich, wenn es gut gelaufen ist. Häufig werde ich „Superhirn“ genannt oder gefragt, ob ich hochbegabt sei, woraufhin ich jedes Mal antworten muss, dass ich einfach nur Gedächtnistechniken anwende und diese entsprechend trainiere.

Was lernen Sie derzeit mit Gedächtnistechniken?

Derzeit nutze ich Gedächtnistechniken nur für den Gedächtnissport. Das liegt aber schlicht daran, dass ich mich gerade zeitlich zwischen Schule und Uni befinde 😉 Wie bereits erwähnt, habe ich dieses Jahr mein Abitur bestanden. Ohne Gedächtnistechniken hätte ich mit Sicherheit nicht so gute Ergebnisse bei den Prüfungen erzielen können. Um das Anwenden von Gedächtnistechniken klarer zu machen, nenne ich einfach mal zwei konkrete Beispiele: Im Fach Deutsch musste ich u. a. über die Epoche der Aufklärung Bescheid wissen. Zunächst habe ich einen zusammenfassenden Text gelesen und mir folgende Stichpunkte gemacht: Zeit: 1720-1800, franz. Revolution, Individuum, Selbstbewusstsein, eigenständiges Denken, Manufakturwesen, Fabel, Ringparabel, gesellschaftl. Entwicklung geht eng mit technischer einher. Als nächstes mache ich mir für die Stichpunkte Bilder. Eine Konservendose ist bei mir das Bild für die 720 und eine Kristallkugel das für die 800. Eine Frankreich-Flagge steht für die franz. Revolution, ein einzelner Mann, welcher seine Muskeln zeigt, steht für Individuum und Selbstbewusstsein. Der Mann bedient eine Manufakturmaschine (dafür muss er eigenständig denken). Ein Fuchs, welcher für die Fabel steht, zieht einen Ring an. Auf ihm reiten ganz viele kleine Menschen, die alle einen Motor in den Armen halten und gemeinsam mit dem Motor wachsen (bzw. sich entwickeln). Diese Bilder bzw. Mini-Geschichten kann man nun einfach auf eine Route legen und schon kennt man die wesentlichen Merkmale der Aufklärung! Auf diese Weise kann man noch weitere Merkmale ganz leicht hinzufügen. Noch ein Beispiel aus dem Fach Sozialwissenschaften: Es gibt sechs Prinzipien, welche das Fundament der Europäischen Union bilden. Diese lauten: Subsidiarität, Supranationalität, Solidarität, Rechtstreue, Bereitschaft zum Kompromiss und Degressive Proportionalität. Bei solchen Fremdworten erscheint es zunächst schwierig, passende Bilder zu finden, aber man kann auch ein bisschen tricksen. Ich stelle mir folgende Geschichte vor: Ein großer roter Drache liegt unter (sub -> Sub sidiarität) der Erde. Doch dann durchbricht er mit gewaltiger Kraft die Erdkruste und schießt nach oben. Er hat einfach Super -Kräfte! (-> Supra nationalität) Damit der Drache nicht mehr alleine ist, kommen aus Solidarität zwei weitere, die ihn an den Händen packen. Damit sie wissen, wo sie hin müssen, holt einer von ihnen einen Kompass (-> Bereitschaft zum Kompromiss) hervor. Sie müssen sich nach rechts drehen (-> Rechts treue) und dann fliegen sie gemeinsam auf ihr Ziel am Erdboden zu. Ihre Flugbahn sieht dabei aus wie der Graph einer degressiven proportionalen Funktion. Die Bedeutung der Begriffe an sich erschließt sich fast von selbst, aber auch diese könnte man sich ggf. mit Hilfe von Bildern merken. Wichtig ist nur, dass man sich die Bilder bzw. Geschichte möglichst lebhaft vorstellt. Auf diese Weise kann ich mir eine ganze Menge an Informationen leicht merken. Bei jemand anderem hätten die Bilder bzw. Geschichten vielleicht ganz anders ausgesehen, aber gerade das macht ja den Reiz aus, man kann seiner Phantasie freien Lauf lassen!

Gibt es auch Grenzen für die Gedächtnistechniken? Kann man damit etwas nicht lernen?

Wie aus den obigen Beispielen hervor geht, lassen sich Gedächtnistechniken überall dort anwenden, wo es um das (Auswendig-) Lernen von Fakten, Argumenten, Ansichten o. Ä. geht. Wenn es allerdings um das logische Verständnis geht, welches z. B. in der Mathematik benötigt wird, kann man mit Gedächtnistechniken nicht mehr viel ausrichten. Man kann sich höchstens noch die Schritte einer Lösungsstrategie merken, aber ansonsten geht es in erster Linie um das Verstehen, und das können einem die Gedächtnistechniken nicht abnehmen.

Zu guter Letzt: Ihre Empfehlung für die Leser von Lernen-Merken-Erinnern.de?

An alle, die bereits Gedächtnistechniken anwenden: Macht weiter damit und versucht andere vom Nutzen der Techniken zu überzeugen! An alle, die noch keine Gedächtnistechniken anwenden: Lasst euch auf die Techniken ein und gebt ihnen eine Chance! Egal ob im Alltag, Schule oder Beruf: Der Erfolg stellt sich schon nach kurzer Zeit ein und durch immer neue Geschichten wird es nie langweilig! Wer mehr zum Thema Gedächtnistechniken wissen möchte oder Fragen hat, findet neben diesem Blog auch im Brainboard (www.brainboard.eu) und beim Gedächtnissport-Verein MemoryXL (www.memoryxl.de) eine Menge hilfreicher Informationen. Wer mehr über mich und meine Aktivitäten im Gedächtnissport wissen möchte, kann gerne meine Internetseite www.christian-schaefer.eu besuchen!

Danke

Sehr schöne Einblicke! Die Anzahl der Routenpunkte ist groß. Auch das Beispiel verdeutlicht nochmal, dass mit Kreativität einiges gelernt werden kann. Die Aussage, dass Gedächtnistechniken dort scheitern, wo die Logik ins Spiel kommt, kann ich ebenfalls unterstreichen. Und welche Erfahrungen habt ihr bisher gemacht?