Heute nehme ich wieder das Thema Interviews auf. Gerade Interviews geben einen interessanten Einblick in den Alltag der Menschen und den Umgang dieser mit unterschiedlichen Themen. Heute habe ich Ulrich Bien für ein Interview gewinnen können. Ich habe ja bereits die beiden Bücher Einfach. Alles. Merken. und Trainiere. Dein. Gedächtnis. vorgestellt. Daher ist es spannend, was der Gedächtnistrainer selbst zu sagen hat.

Hallo Herr Bien, bitte stellen Sie sich meinen Lesern vor.

Ich beschäftige mich seit über 20 Jahren mit dem Thema Informationsverarbeitung – und zwar vom Kopf bis hinein in die Massenmedien wie Fernsehen und Internet. Dabei geht es mir vor allem darum, was wir aus Fakten und Zusammenhängen machen, wie wir diese verstehen und zum Beispiel das menschliche Handeln davon beeinflusst wird. Dazu gehört natürlich auch das Wissen und wie wir dazu kommen – nämlich durch Lernen im weitesten Sinne, denn unser Gehirn lernt auch dann, wenn wir es gar nicht merken.

Wie und warum kamen Sie zu dem Thema Gedächtnistraining?

„Gedächtnistraining“ lautet der Titel unserer Kurse, aber eigentlich steckt viel mehr dahinter: Zum einen wollen wir Menschen zeigen, richtig (und ganz anders) mit ihren Gehirnen umzugehen. Andererseits ist unsere größte Herausforderung, den Kopf in kürzester Zeit auf Höchstleistung zu bringen, denn unsere Zielgruppe sind häufig Manager und andere Berufstätige, die richtig viele Informationen und Fakten im Kopf behalten wollen – und zwar ohne Fehler!

Wofür eignen sich Merktechniken besonders gut?

Für alles, was man im Kopf behalten will! Manche Dinge sind vermutlich ohne Merktechniken gar nicht machbar: Zum Beispiel das Telefonbuch von Hamburg oder Berlin auswendig lernen. Allerdings sollte man von Mnemotechniken auch keine Wunder erwarten: Damit zu lernen bedeutet nicht, innerhalb von zwei Sekunden tausend Fakten im Kopf zu haben. Lernen darf dauern. Aber mit Merktechniken macht das mehr Spaß, Wiederholen ist unnötig, man macht weniger Fehler und ist nicht mehr frustriert – das sind die unschlagbaren Vorteile, wenn man richtig mit seinem Kopf umgeht. In meinem Blog veröffentliche harte Merknüsse, die mir Leser zuschicken. Wer nicht glaubt, wirklich alles damit lernen zu können: Reinschauen!

Welche Schwachstellen haben Merktechniken ihrer Meinung nach?

Das Wort „Technik“ klingt schon sehr nach Schraubenzieher und Bohrmaschine. In Wirklichkeit handelt es sich aber nur um den anderen – und zwar den richtigen – Umgang mit dem Kopf – das ist schon alles, was Sie dabei lernen müssen. Die meisten Menschen haben niemals gelernt zu lernen – auch wenn das hart klingt: Lehrer bewerfen die Schüler mit Stoff, aber auf den letzten Zentimetern zwischen Buchseite und Gehirn werden die Kinder allein gelassen. Unser Kopf ist schon ohne jegliche Merktechnik in der Lage, sich unendlich viele Dinge zu merken (machen Sie das Experiment auf YouTube: http://www.youtube.com/watch?v=qFkD2Y_7d-k). Oft ist Leistungsfähigkeit auch eine Frage des Selbstvertrauens: Denken Sie darüber nach, was Sie sich in Ihrem Leben bereits alles gemerkt haben. Und dann zweifeln Sie daran, sich ein paar Telefonnummern nicht merken zu können…? Und mit Merktechniken können Sie die wahren Stärken Ihres Kopf optimal einsetzen und damit die Leistungsfähigkeit fast beliebig steigern.

Ab welchem Alter eignen sich Merktechniken?

Eigentlich sollte man bereits früh dafür sorgen, dass Kinder Ihre Art zu denken nicht verlernen – dann müssen die Eltern später nicht mehr mit dem „Fördern“ anfangen. Niemand kann besser um die Ecke denken als unsere kleinen. Schauen Sie, wie viele Söhne und Töchter ihre Eltern bei Gedächtnisspielen mühelos besiegen. Meine Frau trainiert Kinder, wenn Sie in die Schule kommen (www.tausendschlau.com/trainings). Schon in der Grundschule machen die meisten Kids die ersten schlechten Erfahrungen mit dem Lernen: Hinsetzen, Buch anstarren und Klappe halten. Auch dort wird der erste Druck von Eltern und Lehrern aufgebaut. Fast jede Merktechnik kann ein Kind erlernen – und das hat einige Vorteile: Kein Pauken und Büffeln, mehr Freizeit, kein Frust, weniger Fehler und so weiter…

Warum sind ihrer Meinung nach die Merktechniken noch nicht in der Schule/Uni angekommen? Oder sind sie das?

Das ist eine schwere Frage mit der ich mich seit Jahren beschäftige. In der Schule steht das „Was muss gelernt werden?“ (der Lehrplan) vor dem „Wie wird gelernt?“. Das Image der Mnemotechniken ist auch immer noch nicht besonders gut – den „Gedächtniskünstlern“ sei Dank, die in TV-Shows als Freaks und genetische Hirndefekte dargestellt werden. Viele Führungskräfte starten in meine Trainings mit einer sehr skeptischen Haltung, bis sie das Potenzial von Merktechniken erkennen – und dann können Sie nicht genug bekommen. Ehrlich gesagt glaube ich, dass es noch ein paar Jahre dauern wird, bis Merktechniken sich verbreiten. „Wir haben die Schule ja auch so geschafft“ ist die Haltung vieler Eltern – auch weil sie nicht wissen, wie sie ihren Kindern helfen können. Es ist ja auch leichter, eine Software zum Vokabeln-Lernen zu kaufen, als mit dem Kind kreative Techniken zu lernen und zu üben. Aber wir müssen aufpassen: In anderen Kulturen – zum Beispiel in Asien – reißen sich Geschäftsleute, Studierende und Kinder darum, diese Dinge zu lernen.

Wie nutzen Sie die Merktechniken im Alltag?

Von Gedächtnistrainern wird erwartet, das sie ein überirdisches Gehirn haben. Meine Frau drückt mir manchmal eine Einkaufsliste in die Hand, die ich nicht auswendig lerne und mit in den Supermarkt nehme. Ich nutze Merktechniken vor allem dort, wo mir die normalen Leistungen meines Kopfes nicht genügen: Mein Namensgedächtnis ist von Natur aus unterirdisch schlecht. Aber neben den Alltagsdingen hat das Anwenden von Merktechniken einen ganz anderen Effekt: Sie erkennen, wie mühelos es ist, Dinge zu tun, die Sie vorher vielleicht nie getan haben. Viele meiner Trainingsteilnehmer werden nach dem Seminar aktiv, lernen ein neues Hobby oder ein Instrument und verändern ihre Art zu arbeiten – was sie vorher vielleicht nicht getan hätten. Jemand der richtig mit seinem Kopf umgehen kann, ist neugieriger, kommunikativer und aktiver als der Durchschnitt – das gilt vermutlich auch für mich.

Ihr merkwürdigstes Erlebnis als Trainer?

Unsere Seminare sind so konstruiert, dass die Teilnehmer die Veränderung in ihrem Kopf zuerst gar nicht spüren. Und irgendwann zeigen Sie eine Liste von Fakten und die Teilnehmer lernen nicht mehr, wie sie es ein paar Stunden vorher getan hätten. Wenn sie merken, was mit Ihnen passiert ist, verändert sich in die meisten Fällen die Stimmung schlagartig (und mir macht es unglaublich viel Spaß, das immer wieder zu erleben). Manchmal endet diese Erkenntnis aber auch in massiver Bestürzung: Einmal war ein Teilnehmer extrem niedergeschlagen: Hätte er diese Dinge früher erfahren, sein Leben wäre ganz anders verlaufen!

Raus mit der Wahrheit: wie gut ist ihr eigenes Gedächtnis? Vergessen Sie auch mal Sachen?

Alle Gehirne sind gleich! Den Unterschied macht nur der Umgang damit. Wer seinen Kopf richtig und aktiv benutzt, der kann sich sicher überdurchschnittlich viel merken. Wer sich den ganzen Tag intensiv mit einem für ihn wichtigen Thema (zum Beispiel mit Merktechniken) beschäftigt, der vergisst auch mal die Nudeln auf dem Herd. Wenn Sie sich mit Merktechniken arbeiten, dann bekommen Fehler (und auch das Vergessen) einen ganz anderen Wert, denn nur wenn Sie etwas vergessen, können Sie lernen, besser zu merken, weil Sie dabei überprüfen können, warum eine Merktechnik nicht funktioniert hat.

Ihre Tipps: was können die Leser bereits heute für die Verbesserung der Gedächtnisleistung tun?

Um einen konkreten Tipp zu geben: Erkennen Sie, was Sie nicht wissen! Entwickeln Sie ein Gespür für Fakten, die Ihr Kopf nicht kennt. Wenn wir ein Fremdwort lesen, das wir nicht kennen, blendet unser Gehirn das normalerweise aus. Tun Sie das Gegenteil und schauen Sie nach, was das Wort bedeutet. Bei uns heißt das „die Liste der schwarzen Schafe“: Führen Sie eine Liste mit Dingen, die Ihnen im Alltag begegnen, die Sie nicht wissen, zum Beispiel Straßennamen, Länder in den Nachrichten, Abkürzungen, Inhaltsstoffe von Lebensmitteln und so weiter. Und wenn Sie abends am Computer sitzen, dann aktivieren Sie eine Suchmaschine oder ein Online-Lexikon und stopfen Sie Ihre Wissenslücken. Sie werden stauen, wie schnell sich Ihre Allgemeinbildung massiv erweitert!

Spannend!

Danke für das interessante und einsichtsvolle Interview Herr Bien. Auch hier ist erkennbar, dass Merktechniken keine Hexerei darstellen. Ergänzend würde ich beim Thema Lesen sagen, dass die „schwarzen Schafe“ eher später nachgeschaut werden sollten, denn beim Lesen erschließt sich meist der Sinn dieser Schafe. Dazu werde ich jedoch später in einem Beitrag zum Thema „Effizientes Lesen“ kommen.

Die Erweiterung der Allgemeinbildung kann ich nur unterstreichen. Ich bin gespannt wie viele Jahre es dauern wird, bis sich Merktechniken durchsetzen. Hoffentlich wird es nicht so lang sein.Oder wie seht ihr das?

Appell an die Leser: Wen sollte ich hier noch zu Wort kommen lassen? Wer interessiert euch? Welche Themen genauer? Schreibt mir!