Ich habe ja schon mal angekündigt, dass ich Interviews für den Blog plane. Nun ist es soweit. Das erste Interview erfolgt mit Christian Schäfer, der dieses Jahr norddeutscher Gedächtnismeister wurde. Darüber habe ich bereits im Artikel norddeutsche Gedächtnismeister kurz geschrieben.

Genug der Vorrede, los geht es mit dem Interview.

1. Stellen Sie sich bitte meinen Lesern vor

Ich bin Christian Schäfer, 18 Jahre alt und wohne in Netphen (NRW). Dort besuche ich derzeit die 12. Klasse des Gymnasiums und werde nächstes Jahr mein Abitur machen. Eines meiner größten Hobbies ist der Gedächtnissport. Dieser bietet mir einen guten Ausgleich zum körperlichen Sport, wie z. B. Joggen oder Radfahren.

2. Wie kamen Sie zu bzw. wie lange beschäftigen Sie sich bereits mit Mnemotechniken?

Ich habe durch einen TV-Bericht Anfang 2009 erstmals von Mnemotechniken und Gedächtnissport gehört. Als der damalige Kinder-Gedächtnisweltmeister in der Sendung seine Gedächtnis-Fähigkeiten unter Beweis stellte, war ich sehr beeindruckt und der Ehrgeiz hat mich gepackt. Ich habe daraufhin das Buch „Warum fällt ein Schaf vom Baum“ von Christiane Stenger gelesen und angefangen, mein Gedächtnis regelmäßig zu trainieren.

3. Wie bereiten Sie sich auf eine Gedächtnismeisterschaft vor?

Da es bei verschiedenen Meisterschaften auch unterschiedliche Disziplinen gibt, sieht die Vorbereitung nicht überall gleich aus. So gibt es z. B. bei der Norddeutschen Meisterschaft sieben relativ kurze Disziplinen an einem Tag, während bei der Weltmeisterschaft zehn z. T. sehr lange Disziplinen über drei Tage verteilt zu bewältigen sind. Daher trainiere ich im Vorfeld vor allem die Disziplinen, die bei der kommenden Meisterschaft zu absolvieren sind. Am kommenden Wochenende nehme ich z. B. an den Cambridge Memory Championships teil, bei denen es die Disziplinen „10 min Karten“ und „15 min Zahlen“ gibt. Diese beiden Disziplinen habe ich in den letzten Tagen verstärkt trainiert, da ich ihnen bisher noch nie bei einem Wettbewerb begegnet bin.

Ich versuche aber die Trainingsintensität immer etwa gleich hoch zu halten, egal ob ein Wettbewerb kurz bevorsteht oder nicht (d. h. im Schnitt 1-2 Std am Tag).

Unmittelbar vor einer Meisterschaft (1-2 Tage vorher) mache ich gar kein Training mehr, damit meine Routen „leer“ sind und ich meine Kopf frei bekomme.

4. Sie selbst geben Kurse und erklären Mnemotechniken. Wie gut werden diese angenommen?

Ich gebe hin und wieder Kurse zum Thema Gedächtnistraining, die (nach meiner Erfahrung) vor allem von Erwachsenen gut angenommen werden. Ich glaube, dass die meisten Jugendlichen, die „Gedächtnistraining“ hören, damit nur lästige Anstrengung und Langeweile verbinden, was natürlich überhaupt nicht der Fall ist. Denjenigen im Freundeskreis und Erwachsenen, denen ich Mnemotechniken näher bringe, ist es neu, mit welch einfachen Methoden sich die Gedächtnisleistung schnell um ein vielfaches verbessern lässt.

Es wäre schön, wenn sich Mnemotechniken noch weiter verbreiten würden, da sie das Leben in einigen Bereichen deutlich erleichtern können. So wäre es z. B. schön, wenn es ein Schulfach geben würde, in dem solche Techniken erläutert werden, denn zur Zeit wird in der Schule zwar gesagt WAS man lernen soll, aber nicht WIE man es lernen soll.

5. Was war Ihr schönstes Erlebnis in Verbindung mit Mnemotechniken?

Ein einzelnes besonderes Erlebnis in Verbindung mit Mnemotechnik lässt sich gar nicht herausstellen. Es ist einfach immer wieder ein schönes Gefühl, durch Training seine Leistungen stetig zu verbessern. Das Beeindruckende ist ja, mit welcher Leichtigkeit man sich schier unmöglich große Datenmengen merken kann, ohne dafür ein Genie sein zu müssen (ich hätte vor anderthalb Jahren niemals gedacht, dass ich jemals fähig sein würde, mir mehr als 1000 Zahlen in der richtigen Reihenfolge zu merken!).

6. Wofür setzen Sie die Techniken im Alltag ein?

Im Alltag nutze ich Mnemotechniken vor allem für Telefonnummern oder Kontonummern, im Prinzip für alles, was man sich schon mal auf die Schnelle merken muss. Meistens schreibe ich die Dinge dann aber doch sicherheitshalber in einer ruhigen Minute irgendwo auf 😉

Natürlich setze ich die Mnemotechniken auch in der Schule ein, sei es bei Geschichtsdaten oder mathematischen bzw. physikalischen Formeln. Auch bei abstrakteren Dingen versuche ich mir das zu Lernende mit Bildern irgendwie „hirngerechter“ zu machen.

7. Welche bekannte Methoden nutzen Sie? Nutzen Sie auch unbekannte?

Ich nutze die allgemein bekannten Methoden, allen voran natürlich die Routenmethode (Anm. Blogautor: auch als Loci-Methode bekannt).

Für Zahlen habe ich ein 1000er-System, also für jede 3-stellige Ziffer habe ich ein Bild. Das erleichtert das Memorieren vor allem bei sehr langen Zahlenreihen gegenüber dem „klassischen“ 100er-System enorm. 512 dieser 1000 Bilder nutze ich für Binärziffern, sodass ich für alle 9-stelligen Binärziffern ein Bild habe.

Bei Spielkarten entspricht jede Karte einem Bild, allerdings bin ich derzeit dabei, mir ein großes Kartensystem zu machen, d. h. dass ich für jede mögliche 2er-Kombination ein Bild habe (das entspricht 2652 Bildern). Bis ich so weit bin, dieses System effektiv anwenden zu können, wird es aber sicher noch bis nächstes Jahr dauern.

Auf eine bisher noch unbekannte revolutionäre Methode bin ich leider noch nicht gestoßen 😉

8. Wie lange dauert und wie schwierig ist das aneignen dieser Techniken ihrer Erfahrung nach?

Ich glaube, das Aneignen von Mnemotechniken ist sehr leicht, es kommt natürlich immer darauf an, was für Ziele man damit verfolgt. Für denjenigen, der sich einfach nur ein paar Telefonnummern merken will, ist ja ausreichend, sich für jede Ziffer ein Bild zu überlegen (z. B. 0=Ei, 1=Stift usw.) und die Bilder dann zu einer kleinen Geschichte zu verbinden. Selbst das Erlernen des 100er-Mastersystems ist nicht so schwer, wie es vielleicht auf den ersten Blick scheint. Mit ein wenig Übung (z. B. im Bus oder in einer Warteschlange) beherrscht man dieses System schon nach kurzer Zeit.

Nach meiner Erfahrung ist es nicht schwer, ein System zu lernen, selbst das Erlernen meines 1000er-Systems war nicht schwer, sondern es ist alles nur eine Frage der Zeit. Und genau das ist ja das Schöne an Mnemotechniken, sie sind leicht zu verstehen und JEDER kann sie lernen!

Vielen Dank für das interessante Interview

…Herr Schäfer. Hier wurde es nochmals genau formuliert: Mnemotechniken sind leicht zu erlernen und auch sehr gut anwendbar. Und wie schnell man mit den Techniken Erfolge erzielen kann, wird spätestens nach diesem Artikel ersichtlich.

Auch in dieser Hinsicht hatte Herr Schäfer recht: Wir bekommen gesagt WAS wir lernen sollen, aber über das WIE wird leider wenig gesprochen. Die Mnemotechniken erleichtern den (Lern-)alltag allerdings so gut, dass diese nicht links gelassen werden sollten.

Was würde euch besonders interessieren? Was würdet ihr gerne von den nächsten Interviewpartnern erfahren? Hinterlasst ein Kommentar oder schreibt mir einfach!