Vor einigen Tagen bekam ich von Frau Back, Professorin am Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität St. Gallen, die Einladung zu einem BlogCarnival zum Thema das Lernen mit Webvideos. Dieses Thema ist meiner Meinung nach sehr spannend und vor allem zukunftsweisend.

Abgesehen von den Fragen warum und wann Videos hilfreich beim Lernen sind, ist es interessant sich noch weitere Gedanken in diesem Zusammenhang zu machen. Welche Auswirkungen haben Videos auf die Lernlandschaft? Welche Vor- und Nachteile entstehen dabei? Und was gibt es in dieser Hinsicht zu beachten? Diesen und weiteren Fragen gehe ich in diesem Artikel nach.

Webvideos – der Start und die Entwicklung

Spätestens seit 2005, dem Startjahr von Youtube.com, nutzen viele Menschen Webvideos. Dabei ist es jedem offen ob er als Konsument oder Produzent im Internet auftritt. Der Erfolg von Youtube und die Entwicklung der Verbindungsgeschwindigkeit offenbarte das Potential dieser Möglichkeit: immer mehr und mehr Videoportale entstehen und noch mehr Videos werden produziert und konsumiert.

Um das Ganze mit Zahlen zu untermauern zitiere ich den offiziellen Youtube-Blog, laut dem jede Minute 20 Stunden Videomaterial hochgeladen wird. Diese Information kam im Mai 2009. Wie stark diese Zahl sich verändert hat, kann ich nur schätzen. Wenn man aber bedenkt, dass im Januar 2009 15 Stunden hochgeladen wurden, somit also innerhalb von 4 Monaten die Zahl um 33% anstieg, dann dürfte die Upload-Menge bereits bei 40-50 Stunden pro Minute liegen!

Webvideos gibt es also zu genüge und die Popularität dieser steigt weiterhin. Aber warum ist das so und welchen Zweck erfüllen diese im Zusammenhang mit dem Lernen?

Webvideos und das Lernen

Bringen Webvideos einen Mehrwert für die Lernlandschaft? Eindeutig ja! Der Mensch (und nicht nur dieser) lernt über den visuellen Kanal am einfachsten. So ahmen wir bereits als Kinder  das gesehene Verhalten nach, was nichts anderes als eine Lernform darstellt. Da die Videos meistens auch vertont sind, wird auch der auditive Kanal mit einbezogen. Somit werden also die beiden wichtigsten Lernkanäle einbezogen, was die Wahrscheinlichkeit des Erfolges – nämlich etwas zu lernen – stark erhöht.

Das sind im Grunde genommen zwei einfache Argumente, die ansatzweise erklären warum Webvideos auch als Lernfaktor beliebt sind. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass das Lesen als eine anstrengende Tätigkeit empfunden wird. Das liegt unter anderem daran, dass die Bücher einen bestimmten Stil erfüllen müssen um überhaupt auf den Markt zu kommen. Diese sind somit nicht in der „normalen“ Sprache geschrieben. Aber auch unsere eigene Lesefähigkeit lässt zu wünschen übrig. Dazu werde ich allerdings noch einen eigenen Artikel schreiben.

Ein weiterer Grund für die Faszination „Webvideo“ liegt darin, dass jeder Autor werden kann. Der Ansporn entsteht meistens auch durch die Möglichkeit der Geldverdienstmöglichkeiten, wie es zum Beispiel beim einblenden der Werbung auf Youtube der Fall ist. Betrachtet man den Punkt der Videoselbsterstellung in Verbindung mit dem Lernen, so ist auch hier der Erfolg immens. Es ist genau wie das Erklären von etwas Unklarem für die eigenen Mitschüler/Mitstudenten/Kollegen oder Freunde. Das eigene Wissen wird weitgehend vertieft und man überprüft sich selbst ob auch alles sitzt. Schließlich spielt ja auch der Faktor mit ein, dass viele andere es sehen (können).

Wo und warum ist der Einsatz von Webvideos sinnvoll?

Der Einsatz von Webvideos ist aus der Sicht mehrerer Aspekte sinnvoll. Abgesehen von den oben genannten Vorteilen – die Einbeziehung mehrerer Sinneskanäle und die Vertiefung des Wissens, vor allem beim Erstellen – ist die ständige Präsenz des Wissens ein nicht zu vernachlässigender Faktor. Wer schon mal ein Seminar, eine Schulung oder eine Vorlesung nachgearbeitet hat, kennt sicherlich die Frage „Was hat der Vortragende nochmal zu XY gesagt?“.

Ein sehr großer Vorteil ist die Möglichkeit des ort- und zeitunabhängigen Lernens. So kann sich jeder die Webvideos auch gemütlich zu Hause in der gewohnten Umgebung anschauen. Wenn man dann noch in seinem gemütlichen Bürostuhl sitzt, ist es noch angenehmer auf diese Weise zu lernen. Und positive Gefühle sind ja bekanntlich sehr gut für den Lernfortschritt :)

Ich will hier beispielhaft auf einige Bildungsinstitutionen und den Einsatz von Webvideos als sinnvolles Instrument kurz eingehen und somit ein Gefühl der Wichtigkeit dieser Möglichkeit vermitteln.

Schule

Lernvideos könnten zum Beispiel in der Schule bewusst eingesetzt werden. Da nahezu jede Schule heutzutage über einen Internetanschluss verfügt und die Erstellung von Webvideos bereits mit den vorhandenen Mitteln leicht zu bewerkstelligen ist, können neue Themen sehr gut erarbeitet bzw. vertieft werden. So wäre es möglich, dass zum Beispiel die Klassen in mehrere Gruppen aufgeteilt werden und jede dieser Gruppen ein Webvideo zum Thema Pythagoras im Fach Mathematik erstellt. Dabei sollen nach Möglichkeit geringe Grenzen gesetzt werden, so dass die Schüler ihrer Kreativität den freien Lauf lassen können. Anschließend können die einzelnen Gruppen ihre Videobeiträge gegenseitig begutachten und überlegen was die andere Gruppe besser gemacht hat oder bisher nicht beachtet hat.

Die andere Einsatzmöglichkeit: Was hindert einen Lehrer daran die Lehrstunde aufzunehmen und das Video in einem geschützten Zugangsbereich den berechtigten Schülern zur Verfügung zu stellen? Falls ein Schüler gefehlt hat, so ist das für ihn die beste Möglichkeit das verpasste nachzuholen. Die Aussage „ich war nicht da“ kann bei dieser Variante gestrichen werden. Von dieser Möglichkeit profitieren auch die „schüchternen“ Schüler, die sich vor allem nicht trauen zu melden, wenn alles zu schnell geht. Aber auch als Vorbereitung auf die nächste Klausur können diese Videos sehr gut genutzt werden.

Allerdings habe ich bisher noch nichts von solch einem Projekt gehört. Schade eigentlich, da man auf diese Weise die Schüler von den reinen Konsumenten zu Mitdenkern erziehen könnte. Es stellt sich aber auch die Frage, wie gut es bei den heutigen Klassengrößen umsetzbar ist.

Ich habe bereits in einem Artikel zum Thema „Interessantes der Woche“ auf das Angebot von Sofatutor aufmerksam gemacht. Das ist eine Video-Nachhilfe-Lernplattform. Eine sehr gute Idee!

Universität

So nach und nach kommt der Einsatz der Webvideos als Lernmedium auch an die Universitäten. Einige mutige oder auch fortgeschrittene Professoren erkennen das Potential, welches dahinter steckt, und wagen sich an diese Variante der Lernform. Im Zuge der Einführung von Bachelor/Master und der damit verbundenen Komprimierung des Lernstoffes profitieren vor allem Studierende, die zur gleichen Zeit an zwei Orten sein müssen, davon. Vor allem die Möglichkeit des späteren betrachten der Videos spielt eine sehr große Rolle. Da der Lernstoff meist auch etwas Denkarbeit erfordert, kann der Einzelne von der Pause-Möglichkeit profitieren.

Allerdings haben sehr viele Lehrende große bedenken bezüglich des Einsatzes dieser Möglichkeit. So besteht die Angst, dass vor allem die 8-Uhr-Vorlesungen leer bleiben und die Professoren mit den Stühlen reden. Diese Befürchtung ist verständlich, in meinen Augen aber auch unnötig. Schließlich geht es nicht darum dem Professor das Gefühl zu geben, dass seine Vorlesung sehr wichtig ist, sondern den Studenten auf die bestmögliche Art und Weise das Wissen zu vermitteln. Es gibt viele weitere Gründe, die im Protest aufgeführt werden, auf die ich hier aber nicht weiter eingehen möchte.

Beruf

Hier ist das Potential unerschöpflich. Einerseits könnte man die Vorteile des eigenen Produktes aufzeichnen und den Kunden somit verdeutlichen. In Kombination mit Newsletter ist diese Variante sehr gewinnbringend. Andererseits könnte die Arbeit des Kundenservices erleichtert werden. Neben einer Papieranleitung kann auch eine kleine Videoanleitung aufgenommen werden, die für die Kunden einen Mehrwert anbietet. Aber auch Videos zur Beantwortung häufigster Fragen sind ein Gewinn für ein Unternehmen.

Ein großer Vorteil wäre zum Beispiel das Unternehmenswissen in Videoform intern zu sammeln. So haben die neuen Mitarbeiter den Vorteil sich selbstständig einarbeiten zu können. Das spart Geld und Produktivitätszeit, da nicht zwei Mitarbeiter gleichzeitig abgestellt werden müssen. Allerdings ist diese Form nicht immer sinnvoll, vor allem wenn man nicht möchte, dass das Wissen nach außen gelangt und somit der Konkurrenz in die Hände fällt.

Ein gutes Beispiel, auch wenn es nicht direkt hier hinein gehört, stellen für mich die Videotutorials von Video2Brain und Galileo Design. So werden im Softwarebereich Videoanleitungen präsentiert, die auch zum nachahmen animieren. Gleichzeitig wird auch einiges an Hintergrundinformationen vermittelt.

Bedenken beim Einsatz von Webvideos

Aber nicht alles ist Gold, was glänzt. Auch bei Webvideos gibt es viel zu bedenken. Neben der Ablenkungsmöglichkeit durch Weiterempfehlungen zu anderen Videos, fehlt auch ein roter Faden, wie man es vom Buch gewohnt ist. Ein Buch hat zudem noch die Aura des Wissens, während die Webvideos mit dem Amateur-Ruf zu kämpfen haben.

Was aus meiner Sicht den größten Nachteil darstellt, ist die Gefahr des Fernseher-Konsumenten. Dieser schaut sich das Video zwar an, schaltet aber den Kopf bewusst aus oder lässt sich von den Animationen ablenken. Mir sind bisher noch keine Forschungsergebnisse zum Lernen mit Webvideos bekannt. Allerdings wurde bereits in mehreren Studien dargelegt, dass das Fernsehen die Fitness und Bildung nachhaltig im negativen Sinne beeinflusst. Hier gilt es genau zu überlegen wie Webvideos eingesetzt werden sollen.

Ein weiterer Nachteil ist, dass auch viel Unfug aufgenommen wird. Daher kann man nicht genau sagen ob das Webvideo tatsächlich aktuelle Informationen darstellt oder wie viel Falsches in dem Video ist.

Fazit

Trotz der möglichen Nachteile sind Webvideos eine Bereicherung für die Wissenslandschaft. Ich bin fest davon überzeugt, dass dieses Lernmedium noch nicht das volle Potential entwickelt hat und wir uns auf einiges gefasst machen dürfen. Hier denke ich vor allem an Google und ihre Entwicklungen. So soll die Firma Gerüchten zu Folge an einer IP-TV Lösung arbeiten, bei der jeder sein eigenes Programm zusammen stellen kann.

Langfristig ist es jedoch abzusehen, dass die Lernlandschaft durch Videos verändert wird. Es stellt sich nur die Frage wie stark und vor allem in welchem Sinne.

Wie ist es bei euch? Nutzt ihr bevorzugt Webvideos zum Lernen oder konzentriert ihr euch lieber auf Bücher?